Der Dschungel der Ignoranz

Wir kommen schon mit einem Schrei auf die Welt, später eifern Mädels dem Photoshop-Schönheitsideal nach, während Kerle sich die Muckis im Fitness-Studio aufpumpen. Wir streben nach höher, schneller, weiter, mein Auto, meine Karriere, mein Partner….warum das alles? Weil wir auffallen wollen, anerkannt und akzeptiert oder  schlicht nur wahrgenommen werden wollen.

Und was ist das komplette Gegenteil davon? Genau – Ignoranz! Wer kommt schon auf die Welt, um ignoriert zu werden?

Ignoranz hat viele Gesichter

Auf Platz 1 der teuflischen Handlanger der Ignoranz  stehen mit Sicherheit die technischen Errungenschaften unserer Zeit wie Handy, Tablet, oder Gaming.. Ob am Frühstückstisch, im Restaurant, bei einem Treffen mit Freunden oder am Arbeitsplatz – dieses kleine Stück Technik sorgt dafür, dass mindestens eine Person wie ein Aussätziger allen anderen beim Tippen, Wischen und Starren zusieht. Hat man gerade eine pulitzerpreiswürdige Anekdote zum Besten gegeben und wundert sich über das mangelnde Feedback, liegt es womöglich daran, dass alle anderen um einen herum Kopfhörer tragen und von den literarischen Weisheiten nichts mitbekommen haben. Statt dessen schauen sie alle leicht debil grinsend in ihr Gerät und lauschen andächtig den verbalen oder musikalischen Ergüssen eines oscarverdächtigen You-Tubers, mit dem du einfach nicht konkurrieren kannst.

Eine traurige Geschichte

Ich wurde mal Zeuge folgender Szene: Ein junger Mann sitzt in der S-Bahn, mit Handy und Kopfhörer und hört Musik. Eine junge Frau steigt ein und setzt sich auf den freien Platz neben ihm. Nach kurzem Blickkontakt stellt man fest, man kennt sich. Ein Moment der Freude huscht über das Gesicht des Jungen, er zieht seine Kopfhörer ab, begrüßt sie, schaut sie erwartungsvoll an und …..wartet. Als er nach Minuten der Hoffnung feststellen muss, dass sie sich wohl nicht weiter mit ihm unterhalten wird, setzt er seine Kopfhörer wieder auf  – Ende der traurigen Geschichte. Bei Nicholas Sparks wäre aus dieser Begegnung vermutlich die Romanze des Jahrtausends entstanden….aber nicht im realen Leben. Das findet ja dann auf der Dating App statt.

Nun bin ich sicherlich nicht die erste, die über Fluch und Segen eines Handys diskutieren möchte. Aber es ist so viel mehr, als der Verlust von Sprache, der eigenen Kommunikationsfähigkeit und sozialer Kompetenz. Es ist schlichtweg ignorant und respektlos den Mitmenschen gegenüber, die man so ungeniert ignoriert.

Man stelle sich die Szene in einem Restaurant vor, bei der einer dauerhaft mit seinem Gerät beschäftigt ist. In der analogen Welt würde das beispielsweise bedeuten, einer steht mitten im Essen ganz unvermittelt  auf und setzt sich an den Nebentisch, oder verlässt gar das Lokal.

So richtig kriminell wird es, wenn genau diese Menschen, die 24/7 an der Handy-Nadel hängen, deine Mail oder deine Whats-App-Nachricht über Tage nicht beantworten. Denn dann weißt du, es liegt an dir.

Etwas mehr Respekt

Aber Ignoranz ist nicht nur eine Ausgeburt der technischen Sünden, es zieht sich weit mehr durch unsere Gesellschaft, als uns lieb ist. Denn oftmals ist es auch gleichzusetzen mit dem Fehlen von Empathie, Wertschätzung, Respekt oder Anstand.

In Zusammenhang mit unserer Lieblingspandemie  war jüngst von einer Frau zu lesen, die darüber berichtete, dass ihr Bruder nach einem schweren Krankheitsverlauf erst kürzlich gestorben wäre. Die darauf entfachte Welle der Kommentare reichte von: „Ihr hättet euch vom Arzt lieber mal erklären lassen sollen, ob er an oder mit Covid gestorben ist“ bis hin zu „hör auf, hier um Mitleid zu betteln.“ Da fällt einem nichts mehr ein, oder?

Vogel Strauß Taktik

Andere ignorieren unangenehme Situation und Fragen, und glauben mit der Vogel Strauß Taktik einem Problem aus dem Weg gehen zu können. Das ist in etwa so, wie wenn sich kleine Kinder unter dem Couchtisch verstecken, der halbe Po hängt zwischen den Tischbeinen raus und sie rufen stolz: Ich bin versteeeeeckt, du kannst mich jetzt suchen!  (Tatsächlich waren meine Kinder sehr peinlich berührt, als ich ihnen von ihrer Vergangenheit erzählt habe…;-)

Am Ende sind wir doch alle gleich – wir wollen Wertschätzung, Anerkennung, Unterstützung, Mitgefühl, Austausch  – und einfach nur wahrgenommen und respektiert werden. Ist das wirklich so schwer?

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